Es ist unsere Aufgabe zu untersuchen, wie letztendlich Korruption aufgezwungen werden kann, ihre Kontrolle der Erzeugung zu überlassen.
Michael Hardt, Antonio Negri
In einer Vorlesung von 1978 beantwortet Michel Foucault die Frage, was Kritik sei, in folgender Weise:
“Die Kritik [ist] die Bewegung, in welcher sich das Subjekt das Recht herausnimmt, die Wahrheit auf ihre Machteffekte hin zu befragen und die Macht auf ihre Wahrheitsdiskurse hin. Dann ist die Kritik die Kunst der freiwilligen Unknechtschaft, der reflektierten Unfügsamkeit. In dem Spiel, das man die Politik der Wahrheit nennen könnte, hätte die Kritik die Funktion der Entunterwerfung.” [1]
In der gegenwärtigen biopolitischen Dimension muss die Frage gestellt werden, ob das Subjekt wie auch das kollektive Gedächtnis noch immer die Fähigkeit zur Geste der Aufklärung besitzt, d.h. eine rationale Kategorie von Wahrheit aus einer verworrenen Dimension biopolitischer Macht herauszufiltern. Ist jene Geste in dem späten Stadium der Korruption, in dem wir uns befinden, noch effektiv? Die sich ständig wiederholenden vernichtenden Nachrichten, haben das Angesicht des Verfalls, die tiefen Wunden, welche die kollektive Hautebene durchschneiden, auf schmerzliche Weise ans Licht gebracht. Welche sind aber die unsichtbaren Kapillarmechanismen, die sich durch den sozialen Körper auf zellulärer und molekularer Ebene einnisten? Wie ist es möglich die vielen Fragmentierungen, die nicht wahrnehmbaren Mechanismen der Erschließung zunehmender Empfindungskanäle, zu erkennen? Was sind das für die tiefe Wunden, die die emotionale Sphäre von der kognitiven abschneiden und welche das Raster unserer Kognitionsfähigkeit nicht erfassen kann? Wie kann Wahrheit, wie sie Foucault beschreibt, verstanden werden, wenn sich unsere Sprache in eine rasende, selbstzirkulierende Maschine entwickelt, die völlig aus dem Kräftefeld losgelöst ist, das in der Tat unsere Existenzen bestimmt,? Und welche sind die Fluchtlinien die es uns ermöglichen, Entunterwerfung zu erfahren und uns zu einem bemächtigenden Zustand performativer Kritik erneut zurückführen?
Das ist eine komplexe Fragestellung, die nicht durch laute, rationale und kriegerische Gesten angegangen werden kann, sondern besser durch sorgsame, subtile und empathische Begegnungen verstanden. Indem zerstreute Fragmente kognitiven und emotionalen Materials auf neuer Weise zusammengesetzt werden, wird es möglich, eine molekuläre Transformation des gegenwärtigen korrupten und reaktiven Zustandes zu neuen Formen fruchtbarer Behauptung möglich.
Solch ein Vorgang beinhaltet nicht so sehr die Auseinandersetzung über Foucault's Begriff von Wahrheit, sondern entspricht eher der Aufforderung, Wahrheit mit Foucault zu denken, d.h. den Prozeß, den der Philosoph selbst durchgangen hat, innerhalb der gegebenen Zustände unserer singulären und kollektiven Erfahrung erneut zu durchqueren. So eine Geste würde die eigenen Erfahrungen in ihren symptomatischen und transformativen Bedingungen bejahen. Sie würde einen analytischen Prozess der Krise und Veränderung im Gang setzen. Sie würde in einer kontinuierlichen und beharrlichen Praxis des Entreißes des (sozialen) Körpers von sich selbst, wie auch in der tiefen Transformation der Wurzeln der gegenwärtigen Empfindung münden. [2]
Wenn das gegenwärtige Weltbild von einer komplexen und multiplen Dimension schizoider Einschnitte geprägt ist, die sich zwischen den perzeptiven und den kognitiven Fähigkeiten, zwischen dem organischen und dem rationalen, zwischen dem Medium und der Botschaft einnisten, kann die politische Frage der Wahrheit nicht nur innerhalb der Analyse ihrer diskursiven Erzeugung gestellt werden. Stattdessen ist eine Analyse der Entstehungsbedingungen der Wahrheit nötig, in der gesellschafltiche Sezierungen in ihrer Tiefe aufgegriffen werden; in der zerstreute Erfahrungen, Empfindungen, Flüsse und Konzepte, erneut in einem kollektiven Prozess zusammen finden können.
In der Folge stelle ich einen kurzen und fragmentarischen Ansatz vor.
1. DIAGNOSE: Blockade der Wahrnehmungsmembran
In seiner Novelle “Die Kristallwelt” hat James Ballard die Effekte eines Kristallisationsprozesses beschrieben, der fortlaufend, auf zunehmende und unersättliche Weise das gesamte Lebendige einfriert. Der Zustand eines gesamten Waldes ist erstarrt, von Blitzen verzerrter Schönheit verschlossen. Die Zeit vergeht, während das Leben in Unbeweglichkeit zerfließt. Ein endloser Vorgang, der keine Änderungen zulässt. Nur die Kristalloberfläche breitet sich düster und kontinuierlich aus.
Die gegenwärtige Gesellschaft, getrieben von einen Wirbel in fortwährender Beschleunigung, bewegt sich scheinbar in die gegensätzliche Richtung zu Ballard's Wald. Doch genau diese Form von Hypergeschwindigkeit verbietet die gestalterische Entwicklung jener Ideen, die nicht auf die Wiederholung des gleichen setzen. Sie konterkariert die Entstehung von tiefgründigeren Beziehungen als standardisierte Kommunikationsmuster konterkariert und untersagt den Ausbruch intensiverer Affekte als seichte Emotionen.
Die gegenüberliegenden Pole von Null und Hypergeschwindigkeit kollidieren an der Grenze des kollektiven Gedächtnisses. In beiden Fällen – in der absoluten Ruhe und in der kontinuierlich wiederholten Hyperaktivität – registriert das Elektroenzephalogramm ein durchschnittliches flaches Muster. Die Zeit gleitet einen endlosen linearen Zustand entlang, oder ist in einen Wirbel entropischen Abfalls abgekapselt. Ein schlichtes weißes Rauschen ohne jegliche Information kennzeichnet den Horizont. Beide Szenarien lassen keinen Platz für Ereignisse, keinen Platz für Werden zu. Dies ist das doppelte Antlitz der Depression.
2. PROZESS: Der Riss
Ballard's Buch beschreibt einen Mensch, der, obwohl widerstrebend, das Entrinnen aus der Unbeweglichkeit erfährt. Es handelt sich um den Militäroberst Radek der, nachdem er in kristalline Gefangenschaft gerät, aufgefunden und ins Wasser geschleppt wird, in dem verzweifelten Versuch, die ihn einschließenden Kristalle zu lösen. Ein späterer Blick auf seinen Zustand zeigt seinen Körper als entstellt, zerrissen, eingekesselt in einem schmerzvollen Zustand zwischen Leben und Tod.
Der Versuch die verbarrikadierende Patina zu lösen, entspricht einem Prozess der Lückenfüllung und der Erschließung der von den Kristallen verursachten Spalten. Einbruchstellen der Organe und Verletzungen der Haut werden wahrgenommen und geraten ins Bewusstsein. Wenn die Welt aufs Neue die nackte Oberfläche des Körpers ergreift, wird jener von einer schmerzhaften und angstvollen Entfremdung durchdrungen. Zusammenballungen der Leere nisten sich in viszerale und seelische Lücken ein. Während der Körper sich als aufgelöst erfährt, taucht das Begehren eines neuen Schutzes auf. Ein Verlangen das nicht mehr die harte, undurchdringliche und aggressive Patina zum Objekt hat, sondern sich nach einer zarten und wechselseitigen Durchdringung, einer weichen Membran sehnt. Neue Verbindungen keimen und sprießen.
3. Kollektive Neu - zusammenstellung
Ballard's Buch lässt keinen Ausweg zu. Der Kristallwald expandiert rasant in einer planetarischen Dimension. Entropie dominiert nicht nur den physikalischen Prozess, sondern auch die pathologische Anziehung der Menschen zu der kalten Starre. Wie ist es möglich dem Unausweichlichen zu entkommen, wenn die Zerstörungskräfte sich nicht nur in der Natur ausbreiten, sondern auch in den abgelegenen psychischen Ecken der Seele?
Die Grenzen des Körpers haben sich aufgelöst, die scharfe und eckige Hülle ist zerfallen und hat leere Moleküle freigelassen. Offene Valenzen, die nicht mehr der organischen Struktur einer festgelegten und vordefinierten Anatomie entsprechen. Fragmente, die neue Aggregationsmuster suchen. Synapsen, die sich außerhalb standardisierter Schablonen ausformen, in dem leeren, zurückgebliebenen Raum wuchern. Es kommt zur einer Ausdehnung, die nicht durch die üblichen Dispositive der Verfestigung und der Standardisierung begriffen werden kann. Hier, in diesem verlassenen Bereich des Nirgendwo werden unerwartete Daseinblitze, Anhäufungen anderer Lebensformen möglich.
Zurück zur Frage: was ist Kritik?
Sowohl in der zerstreuten, von jeglichem emotionalen Inhalt entfernten Sprache, wie auch in den fragmentierten Empfindungen, die, abgeschnitten von den kognitiven Zentren, sich virusartig verbreiten, ruht eine subtile Kraft. Es handelt sich um die Fähigkeit, neue Energiemuster zu generieren, Mikroaggregate emotionaler Materie zu produzieren, die es bisher noch nicht gab. Es kann daraus noch keine Sprache entstehen, doch es konstituiert sich dadurch eine andere Art kollektiver Empfindung. Es entstehen neue Gesten, unterschiedliche Wahrnehmungen des Anderen. Diese abgewandelte affektive Dimension bildet die Grundlage der Entstehung neuer linguistischer Fragmente. Durch eine solche Entwicklung wird die Flucht aus der Knechtschaft möglich. An diesem Nicht-Ort kann letztendlich eine andere Wahrheit, eine Wahrheit des Außerhalb auf beständiger und affirmativer Weise ausgesprochen werden. Eine Wahrheit, deren generierende Kraft nicht im Diskurs, sondern in der Neukonfigurierung der tiefen Ebenen der organischen Materie und der kollektiven Empfindung liegt.
Notes
[1] Michel Foucault, “Was ist Kritik?” Berlin: Merve 1992, 15.
[2] Vgl. Michel Foucault, “Remarks on Marx, Conversations with Duccio Trombadori”. Translated by J. Goldstein and J. Cascaito, New York: Semiotext(e) 1991, 27- 42.




